„Man sollte Kindern nie etwas vorlügen“

Psychosoziale Notfallversorgung

Der gewaltsame Tod einer 16-jährigen Schülerin hat Barsinghausen in Angst versetzt. Ihre Leiche wurde nahe der Grundschule gefunden. Wie spricht man mit Kindern über Verbrechen? Fragen an den ASB-PSNV-Leiter Jörg Brockhoff.

Mitte Juni wurde auf einer an die Adolf-Grimme-Grundschule angrenzenden Wiese die Leiche der 16-jährigen Anna-Lena aus Barsinghausen
gefunden. Auch die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) des ASB rückte daraufhin aus. Wie kam es dazu?

Die Rektorin der Schule hatte sich an die Polizei mit der Bitte um psychosoziale Unterstützung der Grundschulkinder und ihrer Eltern sowie der Lehrer gewandt. Daraufhin haben die Beamten uns verständigt.

Wie konnte die PSNV helfen?
Die schreckliche Tat hat die ganze Stadt in Unruhe versetzt. Auch die Kinder haben das mitbekommen. Erwachsene sind in solchen Situationen oft verunsichert, wie sie auf Fragen von Kindern reagieren sollen. Soll man überhaupt darüber sprechen? Was soll man erzählen, was besser nicht? Kann das jederzeit wieder passieren? Besteht ein Sicherheitsrisiko? Auf diese zentralen Fragen versuchen die ehrenamtlichen Helfer der PSNV hilfreiche Antworten zu geben. Wir sind dazu da, Menschen in Krisensituationen mit Rat und Unterstützung zur Seite zu stehen, um sie nach einem Schockerlebnis wieder handlungsfähig zu machen und ihnen Ängste zu nehmen.

Das Mädchen wurde offenbar erschlagen. Wie spricht man mit Sechs- bis Zehnjährigen über ein solches Verbrechen?
Unsere Einsatzkräfte haben im vergangenen Jahr glücklicherweise eine intensive Spezialschulung zur Krisenintervention bei Kindern besucht. Zentraler Punkt dabei ist, Kindern, die mitbekommen haben, dass etwas Schlimmes passiert ist, niemals etwas vorzulügen, sondern sachlich auf ihre Fragen zu antworten. Das gibt ihnen Sicherheit. Sie im Ungewissen zu lassen, schürt dagegen Ängste. Natürlich müssen die Antworten kindgerecht sein. Details zur Tat kamen in der Grundschule selbstverständlich nicht zur Sprache.

Wie liefen die Gespräche ab?
Die Kinder hatten ganz normal Unterrichtsbeginn. Nichts sollte vom gewohnten Tagesablauf abweichen. Feste Strukturen geben Halt. Zu Beginn der ersten Stunde haben dann die jeweiligen Klassenlehrer ihren Schülern kindgerecht erklärt, was am Sonntag zuvor vor der Schule geschehen war. Unser Team stand für Tipps und Rückfragen im Hintergrund. Für besorgte Eltern waren wir direkte Ansprechpartner. Zusätzlich haben wir die sehr hilfreiche Informationsbroschüre „Wenn Kinder ein Unglück miterleben“ vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe verteilt.

Seelische Wunden zu versorgen ist eine ganz besondere Herausforderung. Wie gehen die Helfer der PSNV damit um?
Stets die richtigen Worte zu finden, kann zuweilen anstrengender sein als Verbände anzulegen. Und manchmal geht so ein Einsatz auch an die eigene
Belastungsgrenze. Aber unsere Helfer sind ja durch die psychosoziale Grundausbildung und regelmäßige Fortbildungen speziell geschult. Vor jedem Einsatz fragen wir auch ab, ob jemand möglicherweise persönlich involviert ist, etwa weil er das Opfer kennt. So jemand wird dann selbstverständlich nicht eingesetzt. Unverzichtbar ist außerdem die Supervision nach jedem Einsatz, eine Art Nachsorge. Jeder bringt zur Sprache, was ihn beschäftigt
und gegebenenfalls belastet. Das nachträgliche Einordnen der Situation hilft, damit abzuschließen.